Fragen über Fragen

Zuerst drücke ich mein Beileid allen Opfern der Loveparade in Duisburg aus.

Noch einmal Glück gehabt, so meine ersten Gedanken also ich über Twitter von dem Chaos auf der diesjährigen Technogroßveranstaltung erfahren habe. Die Reaktion der Medien ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Westen wartete mit einem Liveticker auf, Spon war ebenfalls mit einer Eilmeldung zur Stelle und alle großen TV Anstalten hatten sowieso ihre Teams vor Ort.

Was mich bei der ganzen Sache stört, sind die vielen Schnellschüsse, die angeblich qualifizierte Journalisten bei so etwas abgeben. Hektisch werden irgendwelche Stimmen eingefangen, kurz geschnitten und dann ohne weitere Kontrolle verbreitet. Selbst Stimmen aus der Ferne werden unter das Volk gebracht. Die Meinungen gehen von überhasteten Schuldzuweisungen hin bis zu „ich hab es ja gewusst, das es so nicht funktionieren kann“ Vorwürfe an Veranstalter, Sicherheitsfirmen, Polizei, Behörden die das Ereignis genehmigt haben, Politiker und auch an den anwesenden Besuchern wurden schnell laut.

Die Schuldfrage wird sicherlich nie genau geklärt werden, es beginnen jetzt die Tage, Wochen und Monate der gegenseitigen Schuldzuweisungen. Für mich bleiben aber Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte:

  • Warum spielt der Oberbürgermeister von Duisburg schon nach zwei bis drei Stunden nach Eintritt des Unglücks die Schuldkarte den „undiziplinierten“ Ravern zu?
  • Warum wurde ein viel zu kleines Gelände für dieses Event ausgewählt? Irgendwas zwischen 230.000 und 240.000 qm sollten für eine Million Besucher ausreichend sein?
  • Wieso spricht Pleitgen als Verantwortlicher der Ruhr 2010 von einer der herausragenden Veranstaltungen der Kulturhauptstadt und sagt ein paar Sätze später, dass es keine Absagen in den nächsten Tagen geben wird? Sollte hier nicht aus Achtung vor den Opfern eine gewisse Zeit eine Unterbrechung stattfinden? (Bei einer weiteren Veranstaltung hier im Essener Gruga Park gab es gestern Abend noch das geplante Feuerwerk, was nicht nur den Opfern, bzw. ihren Angehörigen wie blanker Hohn vorkommen muss?)

Alle, die schon mal in einem Fußballstadion waren wissen, wie schwierig es ist, schon mehrere Zehntausend geordnet und unfallfrei nach dem Schusspfiff vom Ort des Geschehens wegbekommen. Hier seien als Beispiel die Vereine HSV, mit einem schmalen S-Bahn Zugang, oder der FC Schalke 04, mit der Überführung zur Straßenbahnhaltestelle genannt.

Wer hat denn wirklich überlegt, wie eine Million oder mehr Besucher durch einen 15 – 20 m breiten Tunnel passen sollen? Hat nicht schon das Stillleben auf der A40 vor einigen Tagen gezeigt, wie schwer es ist, Millionen von Besuchern auf einer vierspurigen Autobahn auf eine Länge von 60 km so zu verteilen, das es kein Chaos gibt? Oder das man auf einen Logistikpartner setzt, der nicht mal mehr in der Lage ist, den Zugverkehr im VRR nach 15 Minuten Sturm und nachfolgenden 10 Minuten Starkregen aufrecht zu erhalten?

Auch dieser „ich habe es ja immer gewusst“ Journalismus der Ruhrbarone kurz nach dem Unglück ist kaum auszuhalten. Bei diesen beiden Textpassagen kann sich jeder sein Urteil selbst über die Qualität bilden.

Ich wage mal eine Prognose, wer noch die ICE Katastrophe von Eschede in Erinnerung hat, weis jetzt wie aufgeklärt wird und wie lange es dauern wird. Über die Höhe der Entschädigung kann dann auch mal spekuliert werden, bei einer geschätzten Versicherungssumme von maximal 5 Millionen € je geschädigte Person, aber mit einer Maximierung von dem Doppelten der Versicherungssumme pro Schadensereignis. Ein Menschenleben wird dann mit ca. 120.000 € gehandelt, was ich als verdammt wenig empfinde.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter ... und das nervt

2 Antworten zu “Fragen über Fragen

  1. Arnold Voß

    Im Gegensatz zu diesem Blog hier haben die Ruhrbarone schon weit vor der Veranstaltung immer wieder über die möglichen Probleme, Gefahren und Beweggründe einer Love-Parade im Ruhrgebiet diskutiert. Z.B. auch über die Frage ob so eine Veranstaltung überhaupt von einer einzelnen Stadt gestemmt werden kann.

    Es handelt sich also keineswegs um den hier kritisierten „Ich habs schon immer gewusst“ Journalismus. Vielmehr hätten sie umgekehrt besser recherchieren sollen, was auf diesem Blog schon vorher gesagt worden ist.

    Dass es bei den Ruhrbaronen eine größere Betroffenheit von diesem Desaster gibt hat übrigen mit ihrer lokalen Bindung zu tun, die Ausgangspunkt dieses Blogs ist.

    Kaum auszuhalten ist also nicht die Berichterstattung der Ruhrbarone sondern die hier vorgeführte journalistische Besserwisserei.

  2. Pingback: Wochenkuriositäten 6 « Ab jetzt im Pott

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